Feines Gespür für Mikrochips

SONOTEC aus Halle ist ein international führender Spezialist für Ultraschallmessgeräte und Sensoren. Die Mega-Ansiedlung von Intel in Magdeburg begleitet das Unternehmen der Familie Münch mit großen Erwartungen – und hofft auf wichtige wirtschaftliche Effekte für Sachsen-Anhalt.

Es war ein gewaltiger Durchbruch für Sachsen-Anhalt, als der Chiphersteller Intel seine Ansiedlung in Magdeburg verkündete: Der Konzern aus Kalifornien will nicht nur 17 Milliarden Euro in zwei Halbleiterfabriken investieren und 3000 Arbeitsplätze schaffen – er dürfte zahllose neue Menschen und große Innovationskraft in die Wirtschaftsregion holen. Das Mega-Chip-Areal werde „die größte Investition in der Geschichte Sachsen-Anhalts“, befand Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). Sie werde das Land „komplett umgestalten“. Allein bei direkten Zulieferern und Partnerunternehmen werden mehrere Tausend weitere Arbeitsplätze prognostiziert. Intel spricht zudem von bis zu sechs weiteren Fabriken und Forschungs- und Designprojekten.

 

Der Ultraschallsensor SONFLOW CO.55 zur berührungslosen Durchflussmessung an flexiblen Schläuchen, vor allem in der Biotechnologie.

Eines der Unternehmen, das große Hoffnung in die Entwicklung setzt, ist selbst ein Vorzeigebeispiel: der Ultraschallspezialist Sonotec in Halle. Der 1991 gegründete Familienbetrieb schreibt seit mehr als 30 Jahren eine Erfolgsgeschichte und zählt heute 190 Mitarbeitende. Das Knowhow in der Ultraschall-Messtechnologie wird in der Chipindustrie und Energieversorgung, in der Medizin und Biotechnologie überall auf der Welt benötigt. Umsatz 2021: etwa 23 Millionen Euro – bei einem jährlichen Wachstum um die 15 Prozent.

Gründervater Hans-Joachim Münch und seine Tochter Manuela Münch, die heutige Geschäftsführerin, sitzen in einem Altbau unweit von Halles Hauptbahnhof und erzählen von ihren Erwartungen an den Intel-Coup. „Die Innovationsquote in den meisten ostdeutschen Regionen liegt weit unterhalb der Quote im Südwesten“, sagt der 66-jährige Senior. Forschung und Entwicklung fehlten in der Breite, gerade in Sachsen-Anhalt gebe es erheblichen Nachholbedarf, insbesondere bei Mikroelektronik, Halbleiterbranche und IT. „Umso wichtiger ist für die Region ein so großes, führendes Unternehmen.“Zugleich sei die Ansiedlung eine wichtige Chance für den regionalen Maschinenbau.

Auch Manuela Münch, die seit drei Jahren mit ihrem Bruder Michael die Sonotec-Story fortschreibt, hofft auf positive Effekte: „Wir rechnen damit, dass ein breites Spektrum an Zulieferern entstehen wird. Das ist für uns als Markt interessant“, sagt die 38-Jährige. Zugleich baut die geschäftsführende Gesellschafterin auf eine wachsende Technologielandschaft mit Leuchtturmcharakter, die neue Fachkräfte anziehen und die Ausbildung junger Leute in zukunftsfähigen Bereichen forcieren wird. „Der Mangel an produzierenden Unternehmen in Sachsen-Anhalt macht es uns bisweilen schwer, qualifizierte Fachkräfte zu finden.“ In dieser Situation dürfte Intel neue Anreize setzen.

Hochpräzise kundenspezifische Ultraschallprüfköpfe “Made in Germany".

Tatsächlich kündigte der US-Technologie-Händler Avnet bereits Ende April an, in Bernburg ein Verteilzentrum für Halbleiter und elektronische Bauteile zu errichten und mehrere Hundert Arbeitsplätze zu schaffen. Abhängig von Intel ist Sonotec indes nicht: Mehr als 80 Prozent der verkauften Geräte gehen ins Ausland, zu ihren Kunden zählen namhafte Unternehmen wie die Elektronikkonzerne Samsung und LG in Südkorea, die Pharma- und Medizinriesen B. Braun, BASF und Bayer Pharma in Deutschland wie auch Pfizer und Johnson & Johnson in den USA. Im Bundesstaat New York unterhält Sonotec seit 2013 ein eigenes Vertriebsbüro mit einem Dutzend Mitarbeitenden.

Der Erfolg beruht dabei auf zwei Faktoren: Der Großteil der Geräte wird auf Wünsche und Bedarfe der Kunden hin entwickelt oder konfiguriert und erst dann in größeren Mengen hergestellt – in einer Spanne von 50 bis zu 30.000 Sensoren. Die Produktion läuft am Stammsitz in Halle. „Wir verfügen über stark nachgefragte Standardgeräte, aber unsere Kernkompetenz liegt darin, kundenspezifische Lösungen zu finden.“Nicht ohne Grund arbeitet ein Drittel der Belegschaft in Forschung und Entwicklung. Zudem ist Sonotec aktiv am Netzwerk Ultraschall (Net.Us) und dem Forschungszentrum Ultraschall (FZ-U) beteiligt, die für angewandte Forschung mit Hochschulen und Technologiefirmen stehen. „Unser Anspruch ist, in unserer Nische die Nummer 1 der Weltspitze zu sein“, sagt der Seniorchef.

Das Portfolio gliedert sich dabei in drei Business-Units: Als Herzstück gilt die nicht-invasive, kontaktlose Flüssigkeitsüberwachung, die für höchste Hygiene- und Reinheitsanforderungen wie in der Halbleiterindustrie, der Biotechnologie und der Medizintechnik eine große Rolle spielt – bis hin zur Impfstoffentwicklung. Bei Sicherheitsschaltern in Dialyse-Maschinen gilt Sonotec als Weltmarktführer. Weitere wichtige Standbeine sind die vorbeugende Instandhaltung von Anlagen und Maschinen in produzierenden Betrieben sowie individuelle Ultraschall-Lösungen für unterschiedlichste Industrien und Prüfgebiete.„Wir haben unser Unternehmen gut aufgestellt“, sagt Manuela Münch. Mittlerweile bereitet die Familie sogar einen zweiten Firmensitz vor. Das Gebäude mit neuen Fertigungs- und Laborkapazitäten soll ab Ende 2023 den bisherigen Standort ergänzen.

Der angestammte SONOTEC-Firmensitz in Halle.

Halle war schon zu DDR-Zeiten ein Zentrum der Ultraschalltechnologie, besonders in der Medizin. Die beiden Physiker Hans-Joachim Münch und sein Mitgründer Santer zur Horst-Meyer arbeiteten und forschten in den 80er Jahren beim VEB Ultraschalltechnik. Als die Treuhand auf dem Weltmarkt keine Zukunft für den Betrieb sah, gründeten Münch und zur Horst-Meyer 1991 ihr eigenes Unternehmen: mit einem Bankkredit und 800.000 D-Mark Förderung, dem Büro im Dachboden des einen Elternhauses und der Produktion im Keller des anderen. Bald vertrieben sie erfolgreich handgefertigte Sensoren und Ultraschallsonden für die Medizin und bauten Stück für Stück ihr Unternehmen weiter auf.

2019 traten die Betriebswirtin Manuela und der Maschinenbauer Michael Münch in die Geschäftsleitung ein, nachdem sie mehrere Jahre in der Unternehmensleitung mitgearbeitet hatten. Sie änderten die Corporate Identity und entwickeln die Firmenstrategie weiter. Vater Hans-Joachim Münch ist in ein kleineres Büro umgezogen, lässt die Kinder machen und kümmert sich um seine eigenen Themen. Sein Kompagnon zur Horst-Meyer steht als Berater zur Seite. Der fließende Übergang laufe sehr harmonisch, erzählen Tochter und Vater lächelnd. „Es ist die schönste Zeit meines Berufslebens“, sagt Hans-Joachim Münch. „Unser Vater“, ergänzt Manuela Münch, „kann gut loslassen.“

 

Veröffentlicht: 10. Mai 2022
Interview und redaktionelle Bearbeitung durch: Sven Heitkamp | Freier Journalist | Leipzig
Ostdeutscher Bankenverband e.V.

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